Grubengeschichte IV

9. Juli 2009

Ich fühle mich in das Jahr 1977 zurück versetzt. In diesem Jahr kam Steven Spielbergs Science Fiction Film “Unheimliche Begegnung der dritten Art” in die Kinos. 

Darin hat der Elektriker Roy Neary nach einer Begegnung mit einem UFO an einem Bahnübergang, die Vorstellung einen Berg nachbauen zu müssen. Dieser Berg entpuppt sich im Verlauf  der Geschichte als der Devil’s Tower in Wyoming, an dem es zu einer friedlichen Begegnung mit Ausserirdischen kommt.

Bei seiner Besessenheit den Berg, den er erst nur als Vision vor seinem geistigen Auge hat, in seinem Wohnzimmer nachzubauen, wird er von seiner Familie vorsichtshalber verlassen. Zur Baumaterialbeschaffung verwüstete er zuvor noch den eigenen Garten und auch den der Nachbarn.

Meine eigene Besessenheit konzentriert sich nun ebenfalls auf einen Nachbau. Es ist, nachdem ich die Maße in den Händen halte, eben diese Grube, die seit einigen Tagen vermehrt meine Gedankenwelt erfüllt. Für den Ort des Nachbaus muss mein Atelier herhalten, so dass die Gefahr des Verlassenwerdens geringer anzusehen ist. 

Doch alles notwendige Material ist noch nicht beschafft.


negativ/positiv

6. Juli 2009

27te III

Zahnspange Detail


Blick hinein – 27. Woche

6. Juli 2009

27te IV

Das zum Schutz der Fingerkuppe, die noch tagelang vom Ausschneiden der Buchstaben geschmerzt hat, umwickelte Skalpell, liegt unbeeindruckt neben der Arbeit.

Manchmal träume ich in diesen heißen Nächten von Assistenten, die mich umschwärmen und mir jede Arbeit von den Lippen ablesen, während ich genüßlich an meinem Espresso schlürfe.

Mit dem verschwitzten Aufwachen holt mich dann die Realität in mein Leben zurück, zurück zu dieser Arbeit, die mir auch eine Freude ist.


Grubengeschichte III

2. Juli 2009

Wie eine Schatzkarte halte ich die Zeichnung mit den Maßen eben dieser Grube in der Hand. Und gleich der Scheinriesen bei Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer in Michael Endes Geschichte, wird die Grube in der Entfernung immer größer. Das ist aus der zeitlichen Entfernung, die mich dieses Erdloch nun schon begleitet, nicht verwunderlich. Denn auch die Truhe meiner Großeltern ist im Laufe meines eigenen, körperlichen Wachstums recht klein geworden, so dass ich mich nun niederknieen muss, um sie zu öffnen, wo ich doch früher hinaufsteigen konnte und die Beine nicht auf den Boden reichten.

Ich bin mir sicher, dass die Grube sich in meinen Denken über die nächsten Wochen ebenfalls einen größeren Raum sichern wird. Wollte ich dieses verhindern, bliebe immer noch die Möglichkeit, sie am Ende zu verfüllen. 

Bei einer Grundfläche von 400 Quadratmetern und einer maximalen Tiefe von 4 Metern, bräuchte ich schon eine ansehnliche Anzahl von Glasmurmeln, so dass ich diese Möglichkeit lieber gleich wieder verwerfe.


Blick hinein – 26. Woche

29. Juni 2009

27te Woche I

Die Frage an eine israelische Schriftstellerin, warum sie nicht in ein Land zieht, in dem sie nicht in ständiger Angst leben muss, da sie selbst in Israel aufgrund ihrer Herkunft zu einer Minderheit gehört, wurde von ihr auf die einfache Formel gebracht: weil hier meine Heimat ist -meine Sprache-mein Ort-mein Haus-.

27te Woche II


Neda

26. Juni 2009

Als ich am Dienstag, es war der 23. Juni, vor meiner Hotelzimmertür die FAZ fand, ahnte ich nichts von dem Artikel, der mich heute zu dem Video führte, mit einem Handy aufgenommen, dass das Sterben einer jungen Studentin in den Straßen von Teheran dokumentierte, die ermordet wurde, von einem Religionswächter am Rande einer Demonstration.

Bei Demonstrationen in Los Angeles sind nun Plakate mit der Aufschrift “I AM NEDA” zu sehen. Unfreiwillig, brutal aus dem Leben gerissen, wird eine junge Frau zu einer Ikone des Widerstandes, die von ihrem Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hat, nach einer Wahl, die den Eindruck der Manipulation schon im Vorfeld bestätigt hat, in einem Staat in dem immer noch religiöser Fanatismus, die nach Offenheit strebenden Menschen am Leben hindert.

Nun fallen auf den Teheraner Freitagsgebeten die Worte: ”ich rufe die Justiz zu einer deutlichen Konfrontation mit den Anführern dieser illegalen Demonstrationen auf und verlange die Todesstrafe für sie ohne jede Gnade”, die nicht darauf hindeuten, dass im Iran ein Einlenken und eine friedliche Ruhe, die nicht auf Unterdrückung gestützt ist, zu erwarten ist.


Grubengeschichte II

25. Juni 2009

Auf der Suche nach der genauen Bemaßung der Grube, lese ich in der Zeitung über einen musikalischen Abend, der sich in eben diesem trockenen Erdloch ereignet hat, nicht in der klassischen Strandromantik um das Lagerfeuer verteilt, bei der die Musiker inmitten des, das Feuer umflutenden Kreises sitzen. Nein, es entsprach eher der klassischen Aufführungspraxis, in der die Musiker, auf eine Decke gestellt, sich gegenüber einem bestuhlten Publikum sehen, wenn sie sich sehen könnten, so wie es dem Fotografen gelang.

Ach und wer es nicht glaubt, dieses Loch existiert wirklich. Zu finden ist es exakt auf dem östlichen Längengrad mit der Bezeichung 10°25′56,50”.


Grubengeschichte I

20. Juni 2009

Wann mir die Grube zum ersten Mal bewußt wurde, kann ich nicht sagen. Irgendwie war sie schon immer da. Gefüllt mit kühlem, klaren Wasser. Menschen am Rand rufen den Schwimmern Anfeuerungen zu, rufen die Kinder aus dem Wasser, die wie immer nicht hinaus wollen.

Gegenwärtig wird mir der Onkel, der eigentlich der Bruder der Großmutter war, also mein Großonkel. Der aber immer der Onkel blieb, der sich im hohen Alter noch von dem Turm stürzte. Der jetzt nicht mehr da ist, der Onkel, doch der Turm, der steht noch. Dafür ist das Wasser weg und wenn ich mich jetzt von dem Turm stürzen würde, wäre ich wahrscheinlich auch nicht mehr da.

Nun füllt sich diese Grube wieder mit einem Seestück. Langsam wird es Realität, höre fast schon das Rauschen der Brandung, die sich auf den Strand stürzt. Draußen klatscht der Regen an die hohen Fenster und zeigt sich die Sonne, zaubert sie seltsame, nie gesehene Schatten in die Wellen. In der Nacht, da gleitet das Licht des Turms über das Rauschen. Die Schatten wechseln die Seite auf den gefrorenen Wellen und wünschen sich ein Staunen herbei.


Blick hinein – 25. Woche

17. Juni 2009

25te Woche


Meeresplausch

12. Juni 2009

Das Rauschen des Meeres läßt einen Plausch in den seltensten Fällen zu und sollten sich die semannsgarnerzählenden Bärtigen doch einmal an den Rand des Gewässers wagen, schläft langsam der Wind ein und wir können dem Erzählen staunend auf das Meer hinaus folgen.

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