reife Tomaten

4. September 2009

„Wie in Sizilien“ rief meine italienische Nachbarin lachend, als sie mich zu sich unter das Garagendach lockte, damit ich einen Blick in diesen riesigen Topf werfen konnte. Dieser Topf, den sie mit einem überdimensionierten Löffel seit über zwei Stunden bearbeitete und in dem die Tomatensoße für den gesamten Winter vor sich hin kochte. Stolz stand ihr Mann daneben und hörte zu, wie sie mir die Enstehung erzählte, von dem Reifen der 55 Kilo Tomaten, über das Zerkleinern, würzen, bis zu diesem Rühren und dann das Einmachen, um es auch im Winter gut zu haben. Der Mann, mit den Worten, besser als aus der Dose, brauchte mich nicht mehr zu überzeugen, denn schon der Geruch des kochenden Tomatenbreis, der seinen Duft in die Strasse verteilte und der mir schon beim Öffnen meiner Tür in der Nase lag, bedurfte keines weiteren Kommentars.

Und plötzlich war mir das Konzert der wundervollen Etta Scollo, die sich der Erforschung der traditionellen sizilianischen Musik und Lyrik verschrieben hat, aus der letzten Woche in Braunschweig wieder gegenwärtig, die, wenn sie auf die Frage woher sie kommt antwortet, immer nur von der Mafia hört. Eine Mafia, die allgegenwärtig ist, leise und unterwandernd und nicht mehr nur in Italien. Wie sagte Etta Scollo so schön, es wird Zeit, dass auf die Herkunftsfrage und die folgende Antwort ein Leuchten in den Augen des Fragenden erscheint: „Ah, Sizilien, da gibt es doch diese wunderbaren Orangen und die schönen Frauen“ und natürlich wunderbare Musik.


ja – nein – abbrechen

5. August 2009

Irgendwie lief es einfach zu flüssig. Die Beschreibung eines geplanten Projektes hat die letzten Tage in Anspruch genommen. Die Zielgerade vor Augen hat mich dann die Konzentration auf die Vorfreude des letzten Speicherns gelenkt und auf die Frage „Wollen Sie die Änderungen speichern“ in das Tal der Tränen geschickt.

Vielleicht lag es auch an dem Schalk, der mir bei der Arbeit auf der Schulter sitzt und sich für einen winzigen Moment in ein Teufelchen verwandelt hat. Wie dem auch sei, das Drücken der Maustaste über dem „nein“ ließ die Tagesarbeit im Nirvana verschwinden und auch nicht wieder herstellen.

Schnell alles aus, nicht drüber nachdenken und in den Laken eingewickelt wegdämmern.

Ich höre schon die Verbessernden, die zeigefingerwedelnd und schnippisch grinsend, sagen werden, du musst doch regelmäßig zwischenspeichern. Habe ich aber nicht und so bleibt mir nichts anderes übrig als nachzusitzen.


Neda

26. Juni 2009

Als ich am Dienstag, es war der 23. Juni, vor meiner Hotelzimmertür die FAZ fand, ahnte ich nichts von dem Artikel, der mich heute zu dem Video führte, mit einem Handy aufgenommen, dass das Sterben einer jungen Studentin in den Straßen von Teheran dokumentierte, die ermordet wurde, von einem Religionswächter am Rande einer Demonstration.

Bei Demonstrationen in Los Angeles sind nun Plakate mit der Aufschrift „I AM NEDA“ zu sehen. Unfreiwillig, brutal aus dem Leben gerissen, wird eine junge Frau zu einer Ikone des Widerstandes, die von ihrem Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hat, nach einer Wahl, die den Eindruck der Manipulation schon im Vorfeld bestätigt hat, in einem Staat in dem immer noch religiöser Fanatismus, die nach Offenheit strebenden Menschen am Leben hindert.

Nun fallen auf den Teheraner Freitagsgebeten die Worte: “ich rufe die Justiz zu einer deutlichen Konfrontation mit den Anführern dieser illegalen Demonstrationen auf und verlange die Todesstrafe für sie ohne jede Gnade“, die nicht darauf hindeuten, dass im Iran ein Einlenken und eine friedliche Ruhe, die nicht auf Unterdrückung gestützt ist, zu erwarten ist.


Grün-weißer Jubel

26. Mai 2009

Langsam gewöhne ich mich wieder an das normale Arbeiten im Atelier.

Das letzte Wochenende hat mich teilhaben lassen an der größten Performance mit nahezu 100000 Beteiligten, die unsere kleine Stadt in Niedersachsen mit einem Schlag in den Mittelpunkt des Interesses gerückt hat. Unsere Fußballer haben es geschafft, die Deutsche Meisterschaft zu erkämpfen und es ist schön zu spüren, dass es nicht nur militärische Aufmärsche mit Tötungsmaschinen sind, die Menschen dazu bewegen fahnenschwenkend die Welt einen Moment anzuhalten, sondern ein Kinderspiel, dass auch von Großen gespielt werden kann. Ich habe mich mitreißen lassen und ich muss sagen es war einfach toll. Brot und Spiele, einfach bereit sein sich dieses zu gönnen.


volle Wände

19. Mai 2009

Zufällig wurde ich eines Abends Zeuge eines Gesprächs über einen Sammler, der seine Sammelleidenschaft verloren hat, weil er keinen Platz mehr an den Wänden findet.

Jetzt Wochen danach kommt mir dieses Gespräch wieder in den Sinn und die Frage stellt sich mir, warum ich mich weiter abarbeite an meinen Ideen, wenn sich Sammler so verhalten und dann verstärkt sich die Frage durch die Nachricht eines Bekannten, der mir schrieb, dass ihm der Atem ausgeht in dieser Zeit, in der sich sein Idealismus dem Materialismus ständig beugen muss und er dabei ganz mürbe wird.

Diese ganze Traurigkeit, die aus seiner Nachricht spricht und dabei die eigene Suche auf eben diesem schmalen Grat, die mich weiter antreibt und dann doch am Arbeiten hält.


Taschenspiele

6. Mai 2009

Die Sonne hat in der Abwesenheit Farbe auf die Haut gezaubert. Leise haben die Scherben, die durch Lichtreflexe auf sich aufmerksam gemacht haben, in den Taschen geklirrt.

Nun liegen sie ausgebreitet auf dem Tisch. Jede Scherbe mit seiner eigenen, kleinen Geschichte ausgestattet, mit Erinnerungen behaftet. Das eigene Erleben in Erinnerungsstücken verfestigt. Dabei scheint es unwichtig zu sein, um was für Gegenstände es sich handelt. Mit dem Ansehen, mit dem Erfühlen stellen sich Geschichten ein, die sich zugetragen haben und sich zu dem eigenen Erinnern über die Jahre ansammeln.

Wie verhält es sich dabei eigentlich mit Gegenständen, die weiter gegeben werden? Wo bleiben die Geschichten? Werden diese Gegenstände durch das Weitergeben mit neuen Erinnerungen überschrieben?


verweinnebelt

7. April 2009

Dampf steigt aus meiner Teetasse. Ich schaue in den blauen Himmel und denke an diesen Abend in der letzten Woche.

Was fehlte waren lediglich Rauchschwaden, die über den Köpfen dieser bunten Kulturmischung, durch die Bewegung der Arme und Köpfe, sich zu einem blaugrauen Dunst verdichteten. Wir redeten, wir diskutierten in einer Zusammensetzung, die nicht alltäglich war und in dieser Stadt bisher einmalig.

Alles war zwanglos, keine Alleinunterhalter und Selbstdarsteller, jeder für sich in seinem sonstigen Leben ein Einzelkämpfer, ob als Maler, Tänzer, Sänger, Geschäftsführer von Kultureinrichtungen, Kulturdezernent, Theatermacher. Hier in diesem Raum aber eine gelungener Mischung, die von dem Wunsch getragen wird, dem alten Klüngel etwas entgegen zu setzen und auch neue, wo es notwendig ist, gemeinsame Schritte zu gehen, die beim ersten Auftreten von Gefälligkeiten sofort beendet sein müssen. Rein in eine neue Form des kulturellen Umgangs. Die Möglichkeit ist endlich da in diesen Zeiten, wo die Gürtel enger geschnallt werden, neue Wege zu gehen.

Die Initiatorin, die heute von ihren Schritten über den Jakobsweg getragen wird, hat einen Rahmen geschaffen, der durch uns Beteiligte nun mit Leben gefüllt werden muss.

Beim letzten Gespräch dieses Abends ist mir das Wort Beharrlichkeit nicht aus seiner entsprechenden, verweinnebelten Schublade gekommen. Es ist aber diese Beharrlichkeit, die mich antreibt, ohne gefällig protegiert, auf dem Weg zu bleiben.


Nachhall Dialoge 09

20. März 2009

Bis auf das Lichtband im Boden bleibt der Sternensaal unbeleuchtet. Das Lichtband läuft an den Rundungen der Wand entlang und leuchtet durch ein Sternengitter, so dass die Holzvertäfelung darüber matt beleuchtet wird. Licht fällt auch durch die offene Tür, die  zum westlichen Kunstkammersaal führt, in dem die weißgewandete Junko Wada ihren einsamen, meditativen Tanz vollführt.

Im Raum auf dem Boden sitzend, hält mich der Tanz von Nicola Mascia und Takako Suzuki gefangen. Dicht, zum Greifen nahe die Bewegungen der Tänzer verfolgend, die sich im Raum verorten. Das Atmen, die Schritte hören. Im richtigen Moment dem Tanzweg ausweichen. Auf diese Weise eins werden zu einem Gesamtbild, das sich einprägt.

Das gesamte Haus erfüllt von Menschen, von Bewegung, von spürbarer Magie durch die Jahrhunderte, die die erwarteten Exponate des Ägyptischen Museums mit dem noch leeren, renovierten Haus des Neuen Museums in Berlin und mit den Menschen in den Räumen verbindet.

Sasha Waltz hat es wieder geschafft, mich mit ihren Gästen und ihrer neuen Produktion DIALOGE 09 auf dem ehemaligen Transitweg nach Berlin zu locken, zu begeistern, mit kreativer Energie aufzuladen und mich dann auf den sternenklaren Rückweg in den Frühlingsanfang zu entlassen.

Ein andauernder Nachhall ist zu erwarten, der mir in den hoffentlich unerwartesten Momenten Inspirationsspitzen verpassen wird.


Ne schöne Jrooß

13. März 2009

Das wievielte Mal stehe ich inmitten dieser Menschen, die voller Vorfreude ausgerichtet auf die Bühne schauen? Gleich erscheint sie, die Kapelle aus Köln, die mich seit annähernd 30 Jahren durchs Leben begleitet. So wie viele um mich herum ist der Auftritt von BAP mit dem kölschen Barden Wolfgang Niedecken ein Muss. Auch wenn die Jahre an uns allen nicht spurlos vorbei gegangen sind und auch der eine oder andere nicht mehr dabei ist, haben sich die Zeiten seit Verdamp lang her thematisch nicht verändert, die tägliche Kristallnaach allgegenwärtig.

Und dann geht es los, rockiger, härter als die letzten Male. Ne schöne Jrooß ahn all die, die unfählbar sinn, aus vielen Kehlen, mehr gegrölt als gesungen, kommt immer noch gut. Die neuen Stücke der Radio Pandora Plaat, bilden den Rahmen für einen wunderschönen Abend, der von aussen betrachtet vielleicht nostalgisch verklärt wirkt, der mich, ausgespuckt aus der Halle, aber lächelnd und gewappnet in den Alltag entläßt.

Was fehlte an diesem Abend ist der Zigarettenqualm, der sich sonst wie ein dichter Nebel über die Köpfe legte und die Illumination unterstützte. Doch eigentlich bin ich recht froh, dass das schrumpfende, ausgegrenzte Völkchen der Raucher sich mittlerweile spaßend vor den Eingängen trifft.


Giora Feidman und Matthias Eisenberg

11. Januar 2009

„From Classic To Klezmer – Part II“

Am Ende dieses fantastischen unplugged Konzertes mit Klarinette und Orgel in der St. Marienkirche in Isenbüttel, nahm sich Giora Feidman ein Mikrofon und sprach noch einige bewegende Worte.

Er werde oft gefragt warum er in so kleinen, schmalen und kalten Kirchen seine fantastische Musik spiele, wo er doch auch in Berlin in der Philharmonie und in Tokio spiele. Er antwortet darauf, dass er diese Frage nicht verstehen würde, da er für die Menschen spielt und das es ihm wichtig ist, auch als Jude in einer deutschen Kirche unabhängig von der Religion spielen zu können. 

Er kann nicht verstehen, warum es noch über 20 Kriege überall auf der Welt gibt. Warum noch Menschen getötet werden, um Konflikte lösen zu wollen und dass es für ihn, nachdem er über 50 Jahre in Israel lebt, nicht nachvollziehbar ist, was dort zur Zeit passiert.

Nach diesen Worten spielte er, durch den Mittelgang gehend, noch ein kleines Lied aus Versatzstücken deutscher, israelischer und pälästinensischer Melodien, bevor er uns nachdenklich in die kalte, frostige Nacht entließ.