29. November 2009
Bei dem herrschenden trüben Wetter schaue ich in meine dampfende Tasse mit marokkanischem Minztee und lasse den Abend noch einmal an mir vorbeiziehen, an dem der Kunstverein Wolfsburg sein 50-jähriges Bestehen gefeiert hat. Auf den ersten Blick erscheinen diese 50 Jahre für einen Verein nicht unbedingt feiernswert. Was ist das schon, 50 Jahre. Für jeden zu fassen, da es bei jedem im Umfeld sogar Menschen gibt, die dieses Alter erreicht haben bzw. erreichen wollen. Vielleicht gehört man ja schon selbst dazu.
Doch hier liegt der Fall anders. Denn der Kunstverein war der erste Verein in der Stadt, der sich der bildenden Kunst verschrieben hat und der sich um mutige, kunstinteressierte Menschen gebildet hat, die in einer Arbeiterstadt lebten, die selbst erst im Aufbruch war und ihren Beginn in Zeiten des Nationalsozialismus erlebt hat. 21 Jahre war die Stadt alt, jetzt 71 und somit sind dann auch 50 Jahre ein wahrer Grund zu feiern.
Die zugehörige Ausstellung „Best of 50 years“ vereint Positionen von Künstlern, die in den 50 Jahren im Kunstverein ausgestellt haben und hier oft am Anfang ihrer Karriere standen. Für jedes Jahrzehnt ein Künstler bzw. eine Künstlergruppe mit Arbeiten aus dem Jahrzehnt, in dem sie hier ausgestellt haben und dem gegenüber gestellt aktuelle Arbeiten.
Timm Ulrichs, der für die 1970er Jahre steht, war persönlich erschienen. Ebenso Jirí Georg Dokoupil, der als Mitglied der MÜHLHEIMER FREIHEIT in den 1980 Jahren die Wolfsburger Kunstwelt mit erschütterte. Chicks On Speed lieferten eine schrille Performance, die hier ihre Uraufführung hatte.
Ein gelungener Abschluß für die ersten 50 Jahre dieses jungen Vereines, der wie der Geschäftsführer Justin Hoffmann zur Eröffnung sagte, auch der einzige Kunstverein ohne den Anschluß fließenden Wassers ist.
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Verfasst von veitraum
4. September 2009
„Wie in Sizilien“ rief meine italienische Nachbarin lachend, als sie mich zu sich unter das Garagendach lockte, damit ich einen Blick in diesen riesigen Topf werfen konnte. Dieser Topf, den sie mit einem überdimensionierten Löffel seit über zwei Stunden bearbeitete und in dem die Tomatensoße für den gesamten Winter vor sich hin kochte. Stolz stand ihr Mann daneben und hörte zu, wie sie mir die Enstehung erzählte, von dem Reifen der 55 Kilo Tomaten, über das Zerkleinern, würzen, bis zu diesem Rühren und dann das Einmachen, um es auch im Winter gut zu haben. Der Mann, mit den Worten, besser als aus der Dose, brauchte mich nicht mehr zu überzeugen, denn schon der Geruch des kochenden Tomatenbreis, der seinen Duft in die Strasse verteilte und der mir schon beim Öffnen meiner Tür in der Nase lag, bedurfte keines weiteren Kommentars.
Und plötzlich war mir das Konzert der wundervollen Etta Scollo, die sich der Erforschung der traditionellen sizilianischen Musik und Lyrik verschrieben hat, aus der letzten Woche in Braunschweig wieder gegenwärtig, die, wenn sie auf die Frage woher sie kommt antwortet, immer nur von der Mafia hört. Eine Mafia, die allgegenwärtig ist, leise und unterwandernd und nicht mehr nur in Italien. Wie sagte Etta Scollo so schön, es wird Zeit, dass auf die Herkunftsfrage und die folgende Antwort ein Leuchten in den Augen des Fragenden erscheint: „Ah, Sizilien, da gibt es doch diese wunderbaren Orangen und die schönen Frauen“ und natürlich wunderbare Musik.
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Verfasst von veitraum
26. Juni 2009
Als ich am Dienstag, es war der 23. Juni, vor meiner Hotelzimmertür die FAZ fand, ahnte ich nichts von dem Artikel, der mich heute zu dem Video führte, mit einem Handy aufgenommen, dass das Sterben einer jungen Studentin in den Straßen von Teheran dokumentierte, die ermordet wurde, von einem Religionswächter am Rande einer Demonstration.
Bei Demonstrationen in Los Angeles sind nun Plakate mit der Aufschrift „I AM NEDA“ zu sehen. Unfreiwillig, brutal aus dem Leben gerissen, wird eine junge Frau zu einer Ikone des Widerstandes, die von ihrem Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hat, nach einer Wahl, die den Eindruck der Manipulation schon im Vorfeld bestätigt hat, in einem Staat in dem immer noch religiöser Fanatismus, die nach Offenheit strebenden Menschen am Leben hindert.
Nun fallen auf den Teheraner Freitagsgebeten die Worte: “ich rufe die Justiz zu einer deutlichen Konfrontation mit den Anführern dieser illegalen Demonstrationen auf und verlange die Todesstrafe für sie ohne jede Gnade“, die nicht darauf hindeuten, dass im Iran ein Einlenken und eine friedliche Ruhe, die nicht auf Unterdrückung gestützt ist, zu erwarten ist.
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Verfasst von veitraum
10. Juni 2009
Die Vorurlaubszeit bestimmt meinen Terminkalender. Am Rande des Sommerlochs drängen sich Wettbewerbsabgabetermine, Ausstellungseröffnungen und Feierlichkeiten jeglicher Art.
Mit jedem Schritt nach draussen wechselt die Beschallung. Die Geschwindigkeit des Flanierens wird durch den eigenen Geschmack und die möglichen Gesprächspartner bestimmt, die sich den einzelnen Veranstaltungen zugehörig fühlen und irgendwie fühle ich mich bald wie ein bunter Hund, denn irgendjemand kennt mich doch irgendwoher. Die Großstadt wird zum Dorf und die Fluchtmöglichkeiten mit der Lebenszeit geringer. Das wird sich erst später wieder ändern, wenn das dem Alter geschuldete Verschwinden einsetzt.
Wieder drinnen werden die Wettbewerbsunterlagen, die die letzten Tage den Laptop gefüllt haben, zu Materie und eingetütet, mit guten Wünschen versehen auf die Reise geschickt. Die ersten Aktivitäten deuten bereits auf das nächste Jahr und auch für den Rest dieses Jahres deutet nichts darauf hin, dass sich quälende Langeweile zu einer gesunden Langeweile gesellen wird und sich diese gebetsmühlenartig beschworene, angeblich beängstigende Sommerlochsleere einstellen kann.
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Verfasst von veitraum
20. März 2009
Bis auf das Lichtband im Boden bleibt der Sternensaal unbeleuchtet. Das Lichtband läuft an den Rundungen der Wand entlang und leuchtet durch ein Sternengitter, so dass die Holzvertäfelung darüber matt beleuchtet wird. Licht fällt auch durch die offene Tür, die zum westlichen Kunstkammersaal führt, in dem die weißgewandete Junko Wada ihren einsamen, meditativen Tanz vollführt.
Im Raum auf dem Boden sitzend, hält mich der Tanz von Nicola Mascia und Takako Suzuki gefangen. Dicht, zum Greifen nahe die Bewegungen der Tänzer verfolgend, die sich im Raum verorten. Das Atmen, die Schritte hören. Im richtigen Moment dem Tanzweg ausweichen. Auf diese Weise eins werden zu einem Gesamtbild, das sich einprägt.
Das gesamte Haus erfüllt von Menschen, von Bewegung, von spürbarer Magie durch die Jahrhunderte, die die erwarteten Exponate des Ägyptischen Museums mit dem noch leeren, renovierten Haus des Neuen Museums in Berlin und mit den Menschen in den Räumen verbindet.
Sasha Waltz hat es wieder geschafft, mich mit ihren Gästen und ihrer neuen Produktion DIALOGE 09 auf dem ehemaligen Transitweg nach Berlin zu locken, zu begeistern, mit kreativer Energie aufzuladen und mich dann auf den sternenklaren Rückweg in den Frühlingsanfang zu entlassen.
Ein andauernder Nachhall ist zu erwarten, der mir in den hoffentlich unerwartesten Momenten Inspirationsspitzen verpassen wird.
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Verfasst von veitraum
13. März 2009
Das wievielte Mal stehe ich inmitten dieser Menschen, die voller Vorfreude ausgerichtet auf die Bühne schauen? Gleich erscheint sie, die Kapelle aus Köln, die mich seit annähernd 30 Jahren durchs Leben begleitet. So wie viele um mich herum ist der Auftritt von BAP mit dem kölschen Barden Wolfgang Niedecken ein Muss. Auch wenn die Jahre an uns allen nicht spurlos vorbei gegangen sind und auch der eine oder andere nicht mehr dabei ist, haben sich die Zeiten seit Verdamp lang her thematisch nicht verändert, die tägliche Kristallnaach allgegenwärtig.
Und dann geht es los, rockiger, härter als die letzten Male. Ne schöne Jrooß ahn all die, die unfählbar sinn, aus vielen Kehlen, mehr gegrölt als gesungen, kommt immer noch gut. Die neuen Stücke der Radio Pandora Plaat, bilden den Rahmen für einen wunderschönen Abend, der von aussen betrachtet vielleicht nostalgisch verklärt wirkt, der mich, ausgespuckt aus der Halle, aber lächelnd und gewappnet in den Alltag entläßt.
Was fehlte an diesem Abend ist der Zigarettenqualm, der sich sonst wie ein dichter Nebel über die Köpfe legte und die Illumination unterstützte. Doch eigentlich bin ich recht froh, dass das schrumpfende, ausgegrenzte Völkchen der Raucher sich mittlerweile spaßend vor den Eingängen trifft.
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Verfasst von veitraum
12. März 2009
Die Bilder bedrücken und gleichen sich immer wieder. Fassungslose, weinende und verzweifelte Menschen inmitten von Chaos aus zerstörtem Leben, Absperrungen, um Ordnung bemüter Hilfskräfte und Pressevertretern, die sich zum Teil um eine sachliche Berichterstattung bemühen (was in solchen Momenten leider nicht immer der Fall ist).
Immer wieder kommt es vor, dass zumeist junge Menschen sich über das Leben erheben. Nicht allzu lange ist es her, dass sich solche Bilder weit entfernt abgespielt haben. In einer Welt, von der gerne die Errungenschaften übernommen werden, die die persönliche Freiheit vermeintlich erweitern und den Konsum anregen.
Und dann lese ich es beim Aufschlagen des Lokalteils unserer Tageszeitung. Selbst hier in der Stadt gibt es auf rund 125000 Einwohner ca. 10000 registrierte Waffen. Nicht auszudenken wie viele nicht registrierte Waffen dazu kommen und wie viele desillionisierte Menschen im falschen Moment darauf Zugriff haben könnten. Noch einen Blick weiter lese ich von einem Mann, der am gestrigen Abend hier in der Stadt gedroht hat, sich zu erschießen und dabei mit seiner Waffe durch seinen Stadtteil gelaufen ist.
Brave new world.
Hier hat sich eine weit größere Gefahr für die Sicherheit heraus gebildet, als die, die vermeintlich von aussen an uns heran getragen wird und sich unter dem Angst-Sammelbegriff Al Kaida formiert.
Zu all dem ist es passiert, dass der Sohn einer meiner Freunde seit einer Woche im künstlichen Koma liegt, weil sein Herz sich für einen Augenblick verweigert hat.
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Nachbarn, Stadt |
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Verfasst von veitraum
2. März 2009
Die Strecke im Auto durch die Stadt erscheint mir wie ein Ausverkauf für die Architektur.
Die ständig wechselnden Werbebotschaften machen nicht aufmerksam, sie stumpfen ab und reduzieren die Fahrt, neben dem Blick auf den Verkehr, auf die Annehmlichkeiten, die ich mir in meinem Blechkleid gönne.
Kein Telefon, keine hastige Essensaufnahme und Rundfunk ohne Werbung.
Wie wünsche ich mir ein Verschwinden dieser ständigen ungewünschten Berieselung, mit freiem Blick auf das was dahinter liegt, mit der Möglichkeit den Stadtraum wirklich wieder zu gestalten und diesen nicht den Werbestrategen zu überlassen, auf der Suche nach mehr und größerer Werbefläche. Wer kennt sie nicht diese auf Stelzen stehenden Werbeflächen mit ihrer rotierenden Werbung, die, wenn sie nicht mehr funktioniert, den Blick durch zerissene Werbebotschaften auf nackte Neonröhren bietet.
Es gibt solche Städte. Sao Paulo hat es geschafft binnen 3 Monaten die Werbung aus dem Stadtbild zu verbannen und ich wünsche mir, dass diese Idee sich wie ein Flächenbrand durch weitere Metropolen und Städte ziehen wird.
Kleiner Nachtrag:
Leider gibt es auch schon wieder Gegenbewegungen, wie in Venedig zum Beispiel, wo zukünftig Automaten eines bekannten Getränkeherstellers das Stadtbild erklärbarer machen werden. Wer sich in dem Gassengewirr schon einmal verloren hat, wird sich vielleicht den dann vorhandenen roten Faden zu Hilfe nehmen, um seinen Weg zurück aus dem Labyrinth zu finden.
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24. Februar 2009
Zum ersten Mal wurde der Kunstpreis des Lüneburgischen Landschaftsverbandes ausgeschrieben. Die Idee kann man in Zeiten der leerer werdenden Kassen nicht hoch genug würdigen. Der Preis ist gedacht für Künstler, die ihren Wohnsitz im Gebiet des Verbandes haben, für ein Werk oder die Gesamtleistung. Die Abwicklung der Ausschreibung bis zur Benachrichtigung und der Rücksendung der Bewerbungsunterlagen war absolut professionell. So weit so gut.
Die für die Auswahl zuständige, unabhängige Kunstkommission war mit ausgewiesenen Fachleuten besetzt. Ausgewählt aus 140 eingereichten Bewerbungen, für eine Ausstellungsreihe durch das Gebiet des Verbandes wurden neun Künstler, von denen einer den Kunstpreis 2009 erhält.
Schaut man sich die Liste der ausgewählten Künstler nun etwas genauer an, fällt doch auf, dass von diesen neun 3 aus dem nahen Umfeld eines der Juroren kommen. Jetzt gilt es also genau hinzuschauen, ob diese 3 den an sie gestellten Qualitätsanspruch halten werden.
Ich bin gespannt und nicht neudisch, dass ich diesmal nicht dabei bin. Das nicht Dabeisein hilft mir diesmal genauer zu schauen und bei Gefahr den Finger zu heben, um ihn mir im schlimmsten Fall zu verbrennen.
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Verfasst von veitraum